Mittwoch, 16. Dezember 2015

Hinter der Maske...

Wenn man gefragt wird, wie es einem geht, wer erwartet dann eine echte Antwort und wer erwartet ein unaussagekräftiges "gut"?

Wen man gefragt wird, wie es einem geht und man antwortet mal ehrlich, wer kann dann damit umgehen und wer wendet sich ab, ob innerlich oder auch äußerlich sei dahin gestellt?

Wenn man gefragt wird, wie es einem geht, wer will denn dann wirklich eine Antwort und wer fragt rein aus Höflichkeit?

Wenn man gefragt wird, wie es einem geht und man würde immer ehrlich antworten und erklären, dass es einem nicht gut geht, wer würde da weiter zuhören, wer abschalten, wer nicht mehr in Zukunft diese Frage stellen und wer würde hinterfragen warum es einem nicht gut geht?


Täglich fragen wir Menschen wie es ihnen geht, aber kaum jemand antwortet ehrlich, die meisten schleudern einem ein "gut" entgegen und das wars. Hinterfragt man nochmals, kommt meistens wieder ein "gut".

Vermutlich gehen die meisten davon aus, dass es einen nicht wirklich interessiert, oder sie wollen keine Last sein, oder oder oder, jeder wird seine Gründe haben.


Zur Weihnachtszeit werde ich immer sehr melancholisch und grüble über alles mögliche nach. Das haben ja viele zur Weihnachtszeit, weil so viele Erwartungen geschürt werden, Fest der Liebe und so weiter, bei mir kommt noch der Todestag meiner Mutter dazu, diesen Freitag ist sie 22 Jahre tod. Das ist 10 Jahre länger tod, als ich sie lebend haben durfte.

Letztes Jahr lag ich zu Weihnachten im Krankenhaus, das nagt auch an mir und gibt zusätzliche Grübeleien und nun noch ein lieber Mensch, den es übel erwischt hat, in meinem Freundeskreis. Das kommt immer alles so zusammen, dann hat man einen Brummkreisel im Kopf.

Ich denke zu so Zeiten viel über meine Krankheit nach und was sie verändert hat. Den meisten erkläre ich ein Leben ohne Dickdarm sei ja nicht sooo schlimm, die ganzen OP's seien auch nicht sooo schlimm, dabei will ich nur verhindern, das dieser mitleidige Blick auftaucht, den ich sehr hasse.

Kann irgendwer etwas mit Mitleid anfangen?

Ich jedenfalls nicht. Da steht also ein Mensch, schaut Dich mitleidig an und wie sollst du reagieren?!? Schrecklich!

Am schlimmsten sind Ärzte die so schauen, dann weiß man direkt, ok die nächste Kacke ist am dampfen. Ich habe den Blick schon so oft gehabt, den brauche ich nie nie nie wieder sehen, also gibt man vor, alles sei nicht sooo schlimm.

Ist aber wirklich alles nicht sooo schlimm?

Wenn man selber am Kämpfen ist mit einer schweren Situation, dann reicht schon ein mitleidiger Blick und die Fassade würde bröckeln und man würde in sich zusammen brechen, also gibt man lieber vor stärker zu sein, als man ist und bekommt einen bewundernden Blick, der sich viel besser anfühlt, bloß keine Schwäche zeigen.

Die Wahrheit über ein Leben mit FAP, ohne Dickdarm, mit den ganzen OP's und Bauchschnitten und der ganzen Kacke?


Ich habe echt lange überlegt, ob ich die schreiben soll, aber es würde Menschen die es noch vor sich haben demotivieren, es würde zeigen wie mies es einem geht und das eigentlich kaum Besserung in Sicht ist, sondern nur noch mehr Krankenhausaufenthalte, wahrscheinlich noch mehr OP's und permanent Untersuchungen, ohne Aussicht, dass es mal anders sein wird.



Verständnis bekommt man nur von wenigen Menschen, die meisten verstehen es nicht. Es ist bei fast allem so, wenn ein Mensch es nicht selbst gespürt hat, hat er nur eine Vorstellung von dem, wie etwas ist und die meisten meinen dann, das es der Realität entsprechen würde, was aber oft nicht stimmt und wenn sie es dann selber erleben, merken sie wie schlimm manche Situationen wirklich sind.

Ich möchte mich davon nicht frei sprechen, ich dachte mir auch öfter schon ich wüsste wie sich der- oder diejenige fühlen muss und als ich es selber erleben musste merkte ich das es schrecklicher am eigenen Laib ist, aber deshalb sage und denke ich mir auch immer, ich kann mir doch kein Urteil erlauben, denn jeder fühlt anders, jeder hat andere Grenzen und andere  Methoden damit umzugehen. Wenn man viel Mist erlebt hat, ist man abgebrühter und nimmt Situationen, die für andere vielleicht Angst einflößend sind, einfacher hin, weil man schlimmeres schon durchlebt hat. Deshalb sollte man aber trotzdem den anderen ernst nehmen können.

Wenn ich zb Freundinnen gesagt habe, ich kann nicht morgens direkt mit ihnen mit gehen und einen Kaffee trinken, ich müsste mich dringend noch eine Runde aufs Ohr legen, bekam ich oft Unverständnis, dabei schlaucht es ungemein, wenn man nachts mind. ein, eher zwei oder drei mal aufs Örtchen muss und nicht mehr als drei bis vier Stunden am Stück schlafen kann. Oder wenn man nachts nicht einschlafen kann, weil der Bauch wieder weh tut, oder oder oder, aber das will keiner dauernd hören, auch wenn es einem dauernd so geht.

Ich möchte nicht herum memmen und miese Stimmung verbreiten, ich möchte einfach nur mal zum Denken anregen. Man kann den Menschen nur vor die Stirn schauen, was darin vor geht, was sich dahinter verbirgt, weiß keiner, außer man selber und wenn man Entscheidungen trifft, die anderen komisch vorkommen, dann sollte man das akzeptieren, oder einfach mal fragen und zuhören, denn genau das ist in unserer Zeit so selten geworden. Jeder lebt immer mehr für sich selber und verbirgt immer mehr, vor anderen.

"Wie geht es Dir?"
"Ja, ja gut, danke der Nachfrage." Heute Nacht konnte ich nicht einschlafen, weil ich so viel im Kopf habe, ich bin ganz müde und ausgelaugt, aber das wolltest Du sicherlich nicht wissen....

Das ist doch schade, aber genau so geht es vielen Menschen. Man muss ja nicht jedem direkt die gesamte Lebensgeschichte erzählen, aber immer eine Fassade haben und dahinter sich anders fühlen, muss das wirklich sein?

Experimentiert doch mal und antwortet nicht mit einem "gut" oder einer anderen Floskel, sondern schaut mal, was passiert, wenn man ehrlich antwortet, wie der andere reagiert und ob sich dadurch vielleicht in der zwischenmenschlichen Ebene etwas verändert :)

Schöne Vorweihnachtszeit noch und sagt mehr, was ihr denkt, vielleicht hören dann auch mehr zu...            :) 

...und wenn nicht, dann hat es Euch vielleicht ein wenig befreit.




 

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