Ich habe gerade geduscht, dabei Musik gehört und als der Song „Als du gingst“ von Lina Maly kam, habe ich einen furchtbaren Heulkrampf bekommen.
Auch jetzt, wenn ich das schreibe, muss ich direkt wieder anfangen.
Warum?
Das Lied handelt von Abschied und was bleibt.
Ich hasse es. Ehrlich. Ich habe zu viele Menschen, Tiere, Seelen verabschieden müssen.
Ich bin so müde davon.
Man bleibt übrig.
Nicht missverstehen, ich lebe gerne, wirklich, aber alle gehen, man bleibt übrig.
Ich schaue oft in den Himmel und frage mich, ob sie uns zusehen. Ob sie über uns reden, unser Tun kommentieren, wie bei einer Soap und schreien: „NEIN! TU DAS NICHT, DAS IST EINE DUMME ENTSCHEIDUNG!!!“ und den Kopf schütteln, weil wir sie nicht hören können und es doch tun.
Ich stelle mir gerne vor, wie sie vereint sind, Zwei- und Vierbeiner, allen geht es gut und alles ist friedlich.
Wie sie auf uns warten und stolz sind, weil wir weitermachen, egal wie es uns damit geht. Wie sie sich freuen, wenn wir nach ihrem großen Verlust das erste Mal wieder einen Glücksmoment erleben können und sie uns kleine Hinweise schicken, wie auch immer sie aussehen mögen und Luftsprünge machen, wenn sie von uns bemerkt werden.
Trotzdem gibt es da unendlich oft diese Momente, in denen ich innehalte und mich so verlassen von ihnen fühle. So alleine gelassen. So zurückgelassen. Dann bin ich auch regelrecht wütend und sauer auf sie. „Wie konntest du mich in dieser rauen, unerbittlichen Welt alleine lassen?!?“
Die meiste Zeit, wenn ich an sie denke, versuche ich sie allerdings als meinen Fanclub zu sehen. Wie sie mich anfeuern und sich mit mir freuen.
Gerade eben war aber wieder einer dieser verlassenen Momente.
Wo ich wütend war.
Am 14.4. haben wir Nele verabschiedet. Der Hund meiner Schwester. Ihre „Restschuld“. Wieder eine Aufgabe, die ich für sie zu erledigen hatte. Die letzte davon. Und die schönste von allen.
Nun sind sie wieder vereint.
Ich habe eine weitere Lücke zu bewältigen.
Wieder die Frage, ob es der rechte Moment war oder zu früh. Zu spät, das denkt man nie.
Es war der letzte Rest meiner Schwester.
Nun sitzen sie alle irgendwo zusammen und feuern mich weiter an, hoffe ich, denke ich.
Es war und ist nicht nur ein Abschied von Nele, sondern auch von meiner Schwester und dann fügen sich alle anderen Abschiede zuvor mit an. Man denkt an Nele, an Uschi, dann folgt ein roter Faden von Abschieden.
Nele war nie nur eine Aufgabe. Sie war ein fantastischer Abschluss. Eine der schönsten Persönlichkeiten, die mein Leben begleitet haben und ich bin dankbar dafür. Ich bin immer dankbar für die schönen Momente, die tolle Zeit miteinander. Ich denke, dass man diese ganze Freude und das Glück hinterher mit der Trauer bezahlen muss. Das ist der Preis. Der Schmerz hinterher.
Nach Tabitha wollte ich keinen Hund mehr. Ehrlich, es tat so weh, dass ich mir geschworen habe, dass ich mir das nicht nochmal antun werde.
Dann kam meine Schwester an und erzählte mir, dass sie einen kleinen Welpen hat. Ein Mädchen. Eine Nele. Wir haben zusammen geweint, als die kleine Nele mal alleine bleiben musste und alle Klamotten zerbissen und zerstört hat, alle Ladekabel, alle möglichen anderen Dinge und von Uschi die Frage kam: „Ich schaffe das nicht mehr! Ich kann das nicht mehr! Meinst du, dass es irgendwann besser wird? Dass es anders wird?“
Ich möchte ehrlich sein. Bevor sie Nele hatte und von der Idee erzählte, hatte ich große Zweifel. Damit war ich nicht alleine. Viele sagten es offen heraus. Ein Welpe ist für laufende Menschen schon eine große Herausforderung, aber mit Rollstuhl und ihrem Charakter …
Wir sprachen in dem Moment, als sie so verzweifelt war, über Pubertät und Teenager. Sie heulte sich aus, es ging weiter und es folgten natürlich bessere Zeiten.
Ich bekam Nele als ältere Dame, mit weit über neun Jahren. Mir wurde gesagt, dass sie lieb ist, gut hört, ein paar Tricks kann und ein toller Hund ist.
In manchen Situationen merkte man, dass sie von einer Rollstuhlfahrerin erzogen wurde, was uns zum Lachen brachte, auch Jahre später noch.
Sie hob gerne Dinge auf. Das hatte Uschi ihr mühsam beigebracht und saß so gut, dass sie es wirklich voller Stolz und Inbrunst machte. Es war ihr sehr wichtig. Doch sie hob alles genau so hoch auf, wie eine Rollstuhlfahrerin ihre Hand hebt. Wir mussten uns also bücken und es erinnerte uns immer an Uschi und ließ uns lächeln.
Überhaupt fand Nele ihre Hauptaufgabe darin, uns Freude zu bereiten. Das war ihr wirklich sehr wichtig. Sie wollte immer alles richtig machen und schaute uns dabei immer an, um sich zu vergewissern und wenn sie merkte, dass wir uns freuen, dann freute sie sich mit.
Beim Spazierengehen schaute sie alle paar Meter zurück, ob wir auch wirklich folgen, ob wir auch wirklich mitkommen, als wäre es mal anders gewesen. Selbst mit Leine. Egal, sie musste sich vergewissern und wehe, einer stand im Weg und sie konnte nicht kontrollieren, ob der andere wirklich noch dahinter ist! Dann musste sie erst recht nachsehen.Oder ihre Rolle als „Rudelführer Nele“, wie wir es scherzhaft nannten, wenn sie partout einen anderen Weg gehen wollte und wir sie natürlich gewähren ließen, weil es ihr Spaziergang war und sie sich freute, dass wirklich sie den Weg für alle bestimmen durfte! Natürlich gab es mal Ausnahmen, aber umso mehr freute sie sich dann, wenn es doch wieder funktionierte und alle ihr folgten.
Jeder musste begrüßt werden, egal ob Mensch, Hund, Katze … alles und jeder und wenn die Person, das Wesen nicht von einer Nele begrüßt werden wollte, dann machte sie es umso enthusiastischer und wilder, um zu überzeugen, dass es nichts Tolleres gibt, als von einer Nele begrüßt zu werden. Besondere Opfer waren dann Menschen, die Angst vor Hunden haben, wobei sie da sogar der einen oder anderen Person helfen konnte, durch ihre lustige, tollpatschige Art!
Es war uns wirklich eine Ehre, die kleine Nele ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu dürfen.
Anders kann ich es nicht ausdrücken.
Ursprünglich, als ich Nele noch nicht kannte und meine Schwester ins Krankenhaus musste und ich ahnte, dass sie nicht mehr viel Zeit hat, sah ich nur die Wichtigkeit, dass meine Schwester in Ruhe krank sein konnte, dann am Ende auch gehen konnte, mit der Gewissheit, dass es ihrer Nele gut gehen wird und sie sich keine Sorgen machen muss.
Denn eigentlich und das wusste sie, wollte ich keinen Hund mehr nach Tabitha, aber als sie von der Baby-Nele erzählte und mich fragte, ob ich denn Patentante sein möchte, da freute ich mich total darüber. Patentante war immer das Einzige, was ich mir noch vorstellen konnte. Näher wollte ich keinen Hund an mich ranlassen. Wir hatten ohnehin geplant, dass Nele mal Urlaub bei uns macht und von klein auf wurde Nele mit PET-Flaschen gemobbt und gefoppt, damit sie lernt, wenn Kinder mit irgendwas auf sie draufhauen, dann ist das ein Spiel und lustig und kein Grund für eine aggressive Reaktion, so dass meine Kinder, die damals noch klein waren, garantiert nicht gebissen werden würden, falls sie mal grob werden sollten. Lustig, denn meine Kinder hätten das nie gemacht, aber es gab ein Gefühl von Sicherheit. Und natürlich sprachen wir darüber, wenn Uschi mal länger ins Krankenhaus müsse, dass ich die kleine Nele dann abholen würde. Sie hatte mir erzählt, wie wichtig es ihr ist, dass ich, wenn was sein sollte, direkt runterfahre und sie einsammeln soll. Es wäre alles geklärt, jeder wüsste Bescheid.
Soweit kam es nicht und ich hatte immer nur mit einem längeren Krankenhausaufenthalt gerechnet. Hätte mir damals jemand erzählt, dass meine Schwester nicht mehr ein ganzes Hundeleben lang leben würde … es ist gut, dass wir das nicht vorher wissen.
Ich habe getan, was eine gute Patentante tut.
Mein Job ist erledigt.
Ich habe sie wieder an Uschi „übergeben“.
Jetzt muss ich wieder lernen weiterzumachen. Wieder mit einem Verlust umzugehen, der mich sehr triggert und herausfordert.
Der mich mein Leben wieder überdenken lässt und eine Umstrukturierung zur Folge hat, denn als Rest, als das, was übrig bleibt, sammelt man sich neu und kann sich neu definieren.
Aber ich bin nicht der einzige Rest.
Luna (unsere Katze) zum Beispiel, die ist auch noch da, mit über 18 Jahren! Und das wird sie noch mindestens 82 Jahre lang, weil die Kinder ihr immer erzählt haben, dass sie mindestens 100 wird oder sogar nie sterben darf und das hat sie sich zu Herzen genommen und hält sich auch daran, sprintet jeden Morgen wie eine Jungkatze herum und hat keinerlei Gebrechen.
Im Übriggebliebensein vereint.
Kinder sind ausgezogen, führen ihre eigenen Leben.
Leseratte ist dazugekommen und somit auch ein Teil vom Rest.
Bringt sogar neue Cheerleader mit, die uns zujubeln, da oben oder wo auch immer sie sich befinden.
Sie sind sicher stolz auf uns.
Wie wir Tag für Tag meistern.
Schritt für Schritt.
Ohne sie.
Aber im Herzen bleiben sie immer bei uns.
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